Wenn dir plötzlich der Boden unter den Füssen weggezogen wird – bestimmst du, wie tief du fällst?
- Catherine

- 27. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Manchmal gibt es im Leben diese Momente, in denen wir das Gefühl haben, dass uns von einem Augenblick auf den anderen der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Der Teppich, auf dem wir sicher standen, ist plötzlich nicht mehr da.
Eine Nachricht. Eine Enttäuschung. Ein Verlust. Eine Trennung. Eine Situation, mit der wir niemals gerechnet hätten.
Und plötzlich ist da dieses Gefühl, wie soll ich damit umgehen? Was mache ich jetzt?
In solchen Momenten kann es passieren, dass uns unsere eigenen Emotionen überrollen. Wir sind verletzt, enttäuscht, traurig oder wütend. Vielleicht fühlen wir uns machtlos oder hilflos. Und manchmal vermischen sich all diese Gefühle so sehr miteinander, dass wir gar nicht mehr wissen, was eigentlich gerade wirklich passiert.
Hier wirkt für mich der Yoga.
Nicht, weil Yoga verhindert, dass uns der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Und auch nicht, weil Yoga uns verspricht, dass im Leben alles gut ausgehen wird.
Sondern weil Yoga uns etwas anderes lehrt, wie wir mit dem umgehen können, was uns im Leben begegnet.
Auf der Matte üben wir zunächst, unseren Körper wahrzunehmen. Wir beobachten unseren Atem. Wir spüren Anspannung und Entspannung. Wir bemerken, wenn etwas unangenehm wird, und lernen, nicht sofort darauf reagieren zu müssen.
Und irgendwann beginnen wir, diese Fähigkeit von der Matte mit in unser Leben zu nehmen.
Ich kann wahrnehmen:
Ich bin verletzt.
Ich bin enttäuscht.
Ich bin wütend.
Ich habe Angst.
Aber ich bin nicht nur diese Emotion.
Ich kann sie sehen. Ich kann sie wahrnehmen. Und vielleicht kann ich mit der Zeit sogar einen kleinen Schritt zurücktreten und sie aus einer gewissen Distanz betrachten.
Genau hier begegnet mir ein wichtiger Gedanke aus der Yoga-Philosophie: Viveka – die Unterscheidungskraft.
Patanjali beschreibt im Yoga Sutra 2.26 die Viveka Khyati, die klare, unterscheidende Erkenntnis, als einen Weg, der uns hilft, zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was wir wahrnehmen oder darauf projizieren, zu unterscheiden.
Für mich bedeutet das nicht, meine Gefühle wegzudrücken oder sie möglichst schnell loswerden zu wollen. Ganz im Gegenteil.
Ich darf traurig sein.
Ich darf wütend sein.
Ich darf enttäuscht sein.
Aber ich kann lernen, mich nicht vollständig von diesen Gefühlen bestimmen zu lassen.
Das ist ein grosser Unterschied.
Denn vielleicht ist die entscheidende Frage in einem solchen Moment nicht:
Wie tief falle ich?
Sondern vielmehr, kann ich, während ich falle, noch wahrnehmen, was gerade mit mir geschieht?
Kann ich einen Moment innehalten, bevor ich aus meiner Wut heraus handle?
Kann ich erkennen, welche Gedanken gerade in meinem Kopf entstehen?
Kann ich unterscheiden zwischen dem, was tatsächlich passiert ist, und all den Geschichten, die mein Verstand daraus macht?
Diese Fähigkeit ist für mich eine der grossen Geschenke des Yoga.
Denn, wenn ich wieder etwas klarer sehen kann, beginnen sich die Dinge langsam zu sortieren. Nicht unbedingt im Aussen. Die Situation bleibt vielleicht schwierig. Der Verlust bleibt ein Verlust. Die Enttäuschung bleibt eine Enttäuschung, aber etwas in mir verändert sich.
Ich bin nicht mehr vollkommen ausgeliefert.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem Yoga wirklich beginnt, in unser Leben hineinzuwirken.
Denn Yoga ist für mich niemals nur das, was wir auf der Matte tun. Die Asanas sind ein Teil davon. Der Atem ist ein Teil davon. Meditation ist ein Teil davon.
Aber all das Wissen, das uns die jahrtausendealte Tradition mitgibt, darf irgendwann seinen Weg in unseren Alltag finden.
Wenn du eine gute Yogalehrerin oder einen guten Yogalehrer hast, die oder der dir immer wieder kleine Impulse aus der Yoga-Philosophie mitgibt, dann passiert etwas ganz Besonderes, diese Gedanken beginnen, sich ganz leise in dir einzunisten.
Vielleicht erinnerst du dich in einem schwierigen Moment plötzlich an einen Satz, den du irgendwann in einer Yogastunde gehört hast.
Vielleicht atmest du einmal tief durch, bevor du antwortest.
Vielleicht bemerkst du deine Wut, ohne sofort nach ihr zu handeln.
Vielleicht erkennst du, ich bin gerade verletzt und das darf sein, aber ich muss aus diesem Schmerz heraus nicht alles entscheiden.
So schleicht sich Yoga langsam in unser Leben ein.
Ganz unauffällig, irgendwann merkst du, dass du nicht mehr genauso reagierst wie früher.
Nicht, weil du keine schwierigen Situationen mehr erlebst. Sondern weil du gelernt hast, ihnen anders zu begegnen.
Vielleicht können wir nicht immer verhindern, dass uns der Boden unter den Füssen weggezogen wird, aber vielleicht können wir lernen, wie wir fallen.
Vielleicht lernen wir im Yoga sogar, dass wir nicht so tief fallen müssen, wie wir zunächst glauben.
Wie wirkt der Yoga bei dir?
Gibt es einen Moment in deinem Leben, in dem du gemerkt hast, da hat mir der Yoga geholfen, anders mit einer schwierigen Situation umzugehen?
Ich freue mich, wenn du deine Erfahrung mit mir teilst.
Herzlich
Catherine





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