Wenn sich alles verändert – und wir trotzdem bei uns bleiben dürfen

Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt ist schneller geworden, als unser Körper folgen kann.
Morgens liegt dieses besondere Herbstlicht über den Strassen. Die Luft ist kühl, die ersten Blätter verändern ihre Farbe. Und dann, ein paar Stunden später, ist es plötzlich wieder sommerlich warm.
Gleichzeitig stehen in den Geschäften schon die Weihnachtssachen neben den Halloween-Kostümen. Kaum ist etwas da, ist es eigentlich schon wieder vorbei. Die nächste Saison wartet bereits auf uns.
Alles scheint gleichzeitig zu passieren.
Und vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was uns so müde macht.
Denn unser Körper kennt diese Geschwindigkeit nicht.
Die Natur verändert sich – aber sie tut es in ihrem eigenen Rhythmus. Ein Blatt wird nicht schneller gelb, weil wir es eilig haben. Der Herbst muss nicht effizient sein. Die Bäume müssen keinen Jahresplan erfüllen.
Und auch wir sind Teil dieser Natur.
Trotzdem leben wir immer häufiger gegen unsere eigenen Rhythmen. Wir springen morgens direkt ans Handy, beantworten Nachrichten, lesen Nachrichten, scrollen, planen, organisieren. Wir werden mit Informationen bombardiert, bevor wir überhaupt richtig bei uns angekommen sind.
Und während unser Nervensystem vielleicht noch versucht, den Tag zu beginnen, ist die Welt schon längst weiter.
Was, wenn wir nicht alles mitmachen müssen?
Veränderung gehört zum Leben.
Das wissen wir eigentlich.
Unser Körper verändert sich. Beziehungen verändern sich. Jahreszeiten kommen und gehen. Kinder werden erwachsen. Menschen treten in unser Leben und verlassen es wieder. Wir selbst sind nicht mehr dieselben wie vor fünf, zehn oder zwanzig Jahren.
Yoga lehrt uns nicht, diese Veränderungen aufzuhalten.
Im Gegenteil.
Yoga kann uns helfen, mitten in der Veränderung einen Ort in uns zu finden, der nicht ständig mitgerissen wird.
Patanjali beschreibt Yoga als citta-vṛtti-nirodha – das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes.
Für mich bedeutet das heute mehr denn je, nicht jede Bewegung im Aussen muss zu einer Bewegung in mir werden.
Nicht jede Nachricht braucht meine Aufmerksamkeit. Nicht jeder Trend braucht meine Reaktion. Nicht jede Veränderung verlangt, dass ich sofort etwas tue.
Manchmal dürfen wir einfach wahrnehmen.
Rückzug ist kein Rückschritt
Vielleicht brauchen wir gerade deshalb wieder mehr Rückzug.
Nicht als Flucht vor der Welt. Sondern als bewusste Entscheidung, für eine Weile weniger aufzunehmen.
Das Handy weglegen.
Nicht ständig erreichbar sein.
Ein Weile spazieren gehen, ohne etwas dabei zu hören.
In der Natur sitzen.
Atmen.
Yoga üben.
Oder einfach einmal nichts tun.
Und plötzlich entsteht etwas, das im Alltag oft kaum noch Platz bekommt,
nämlich Raum.
Ein grosser, weiter Raum, in dem wir wieder hören können, was eigentlich in uns passiert.
Vielleicht merken wir dann, dass wir gar nicht so viel brauchen, wie wir dachten.
Vielleicht taucht ein Gedanke auf, der schon lange darauf gewartet hat, gehört zu werden.
Vielleicht spüren wir Müdigkeit.
Oder Traurigkeit.
Oder Freude.
Vielleicht kommt einfach nur die innere Ruhe.
Und auch das ist wertvoll.
Die Jahreszeiten erinnern uns daran
Wenn wir uns der Natur wieder etwas mehr zuwenden, wird Veränderung plötzlich weniger bedrohlich.
Der Herbst fragt nicht, ob wir bereit sind.
Er kommt.
Die Blätter fallen.
Die Tage werden kürzer.
Das Licht verändert sich.
Und irgendwann kommt der Winter.
Nichts davon ist ein Fehler.
Es ist ein Rhythmus.
Auch unser Leben kennt solche Rhythmen. Zeiten des Aufbruchs und Zeiten des Rückzugs. Zeiten, in denen wir viel geben können, und Zeiten, in denen wir mehr Ruhe brauchen.
Vielleicht müssen wir nicht immer gegen diese Phasen ankämpfen.
Vielleicht dürfen wir lernen, sie wieder zu erkennen.
Gerade wenn wir älter werden, verändert sich vieles. Der Körper verlangt manchmal nach anderen Formen von Bewegung, nach mehr Regeneration, nach einem anderen Umgang mit Kraft und Leistung.
Das ist keine Schwäche.
Es ist Veränderung.
Und vielleicht liegt darin sogar eine grosse Freiheit.
Klarheit entsteht nicht durch noch mehr Informationen
Wir versuchen oft, Klarheit zu bekommen, indem wir noch mehr lesen, noch mehr wissen, noch mehr recherchieren.
Aber manchmal entsteht Klarheit genau andersherum.
Durch weniger.
Weniger Stimmen von aussen.
Weniger Bildschirm.
Weniger Vergleiche.
Weniger „Du solltest“.
Und dafür mehr Kontakt mit uns selbst.
Yoga bedeutet für mich deshalb nicht nur, auf der Matte bestimmte Körperhaltungen zu üben.
Yoga ist auch die Einladung, immer wieder zu unterscheiden,
was gehört wirklich zu mir – und was kommt gerade nur von aussen?
Das ist Viveka, die Fähigkeit zu unterscheiden.
Und vielleicht ist diese Fähigkeit in einer Welt, die immer schneller, lauter und voller wird, eine der wertvollsten Formen von Selbstfürsorge.
Nicht alles, was auf uns zukommt, müssen wir aufnehmen.
Nicht alles, was sich verändert, müssen wir sofort verstehen.
Und nicht alles, was schneller wird, müssen wir mitmachen.
Manchmal reicht es, stehen zu bleiben.
Zu atmen.
Den Boden unter den Füssen zu spüren.
Und für einen Moment wieder ganz bei sich anzukommen.
Vielleicht ist genau dort der Raum, den wir so oft suchen.
Nicht irgendwo draussen.
Sondern in uns.
In Liebe Catherine




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